IgA-Mangel
bei Zöliakie
bei Zöliakie
IgA ist die Abkürzung für Immunglobulin A und bezeichnet eine Gruppe an Antikörpern, die als Teil unseres Immunsystems darin eine bestimmte Aufgabe haben. Man findet sie überwiegend an den Schleimhäuten, also im Magen-Darm-Trakt und in den Atemwegen. Was sie mit Zöliakie zu tun haben und wie sich ein Mangel auswirkt, möchte ich dir in diesem Beitrag darstellen. Nachfolgend kannst du dir auch eine Checkliste und den detaillierten Ablauf der Diagnostik bei IgA-Mangel herunterladen.
Ich habe dir in einem anderen Beitrag bereits erklärt, wie unser Immunsystem grundsätzlich aufgebaut ist und welche Rolle Antikörper darin haben. Um es hier kurz zu wiederholen: Antikörper werden von bestimmten weißen Blutkörperchen (B Lymphozyten) sehr speziell gegen Fremdstoffe wie z.B. Viren gebildet. Damit gelingt es unserem Immunsystem, diesen Erreger sehr gezielt bekämpfen zu können. Da der Antikörper erst „angefertigt“ werden muss – das ist so eine Art maßgeschneiderte Lösung – dauert es etwas länger, bis er zur Verfügung steht. Unser Immunsystem merkt sich den Kontakt jedoch, so dass beim zweiten Zusammentreffen mit dem gleichen Virus der Antikörper sehr schnell reaktiviert werden kann.
Unser Immunsystem kann verschiedene Antikörpergruppen herstellen, wie ich in dem früheren Beitrag ausführlicher erläutere. Aber hier nochmal ganz kurz: es gibt Antikörper der Gruppe A, E, G und M. Sie werden auch als Immunglobuline bezeichnet und daraus ergeben sich die Abkürzungen IgA, IgE, IgG und IgM. In diesem Beitrag möchte ich mich auf das IgA konzentrieren:
Das Immunglobulin A oder kurz IgA wird vor allem an Schleimhäuten und in Körperflüssigkeiten gebildet und stellt damit eine erste und wichtige Barriere gegen eindringende Fremdstoffe und Erreger dar. Daher findet man größere Mengen an der Darmschleimhaut und in den Atemwegen, aber auch in Tränenflüssigkeit, Speichel oder auch der Muttermilch. Erreger können also schon an der Grenze der Schleimhaut abgefangen und damit unschädlich gemacht werden.
Ich hatte bereits erläutert, dass Antikörper erst im Laufe des Lebens durch Kontakt mit Fremdstoffen und Krankheitserregern gebildet werden. Auch die IgA-Antikörpergruppe ist nicht von Geburt an in gleichem Maße vorhanden, wie im späteren Leben. Neugeborene haben noch nicht messbare Spiegel im Blut. Sie steigen dann langsam in den ersten Lebensjahren an und etwa ab dem 4. Lebensjahr kann man von einer stabilen IgA-Produktion ausgehen. Sind die Werte dann immer noch sehr niedrig, könnte ein IgA-Mangel vorliegen. Beim Erwachsenen sollte der Messwert zwischen 70 und 400 mg/dl (oder 0,7-4,0 g/l) liegen. Altersentsprechende Normwerte findest du in der Tabelle.
Mit einer Häufigkeit von etwa einer von 500-700 Personen ist der IgA-Mangel der häufigste Immundefekt in unserer Bevölkerung. Meist besteht dann ein so genannter selektiver IgA-Mangel, das heißt, dass nur die IgA-Bildung beeinträchtigt ist. Es kommen auch kombinierte Immundefekte vor, die weitere Antikörpergruppen oder
andere Komponenten des Immunsystems mit einbeziehen.
Da die IgA-Produktion in den ersten Lebensjahren noch insgesamt recht gering ist, gelten diese Grenzwerte für einen Mangel erst nach dem vierten Geburtstag.
Du denkst vermutlich, dass sich ein Immundefekt ja direkt zeigen müsste und vor allem, wenn die erste Barriere gegen Krankheitskeime an den Schleimhäuten fehlt. Das ist durchaus richtig – bei etwa der Hälfte der Personen mit einem IgA-Mangel sieht man eine erhöhte Infektanfälligkeit, besonders für bakterielle Infektionen wie Mittelohrentzündungen und Infekte der oberen Atemwege. Tatsächlich treten bei ihnen auch häufiger chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie, aber auch andere wie der Schilddrüse oder aus dem rheumatologischen Formenkreis auf. Etwa ein Drittel der Personen, die mit dem IgA-Mangel symptomatisch sind, weisen eine zusätzliche Autoimmunerkrankung auf. Allergien werden ebenfalls gehäuft festgestellt, sowohl an den Atemwegen im Sinne von Heuschnupfen oder Asthma, an der Haut als allergischem Ekzem oder am Magen-Darm-Trakt als Nahrungsmittelallergie.
Allerdings hat die andere Hälfte der Betroffenen keine Symptome dieses Immunmangels. Denn unser Immunsystem ist so komplex, dass sich die verschiedenen Komponenten ergänzen und ersetzen können. Daher bleibt ein IgA-Mangel in vielen Fällen unerkannt - bis man den Blutwert auf die IgA-Antikörper untersucht und dann feststellt, dass dieser zu niedrig liegt.
Im Übrigen bedeutet ein einmalig niedrig gemessener IgA-Wert nicht sofort, dass man einen Mangel hat. Dieser kommt gelegentlich vorübergehend vor, so dass eine Kontrolle eines zu niedrigen IgA-Wertes nach 1-2 Monaten sinnvoll ist.
Wird ein IgA-Mangel festgestellt, sollten auch die weiteren Antikörper, also IgM und IgG untersucht werden, um das Ausmaß des Immundefektes festzustellen. Regelmäßige Kontrollen (alle 2 Jahre) der IgG-Werte sind anzuraten, da es im Laufe der Zeit zu einem zusätzlichen Verlust dieser Immunfunktion kommen kann.
Wie ich schon oben geschrieben habe, tritt eine Zöliakie bei Personen mit einem IgA-Mangel häufiger auf. Je nach Studie beträgt die Häufigkeit zwischen 2 und 8% im Vergleich zu etwa einem Prozent in der Gesamtbevölkerung. Der Mangel an der ersten Antikörperbarriere lässt eher eine veränderte Immunreaktion auf Nahrungsbestandteile zu und kann damit zur Entstehung der Autoimmunerkrankung beitragen. Zum anderen scheint das Immunsystem durch den Defekt eher zu einer autoimmunen Reaktion zu neigen.
Während Zöliakie bei einem IgA-Mangel häufiger vorkommt, erschwert das gleichzeitig die Zöliakie-Diagnostik bei diesen Patienten deutlich:
Man verwendet bei der Zöliakie Diagnostik überwiegend IgA-Antikörper wie den Gewebstransglutaminase-IgA-Antikörper (Abk.: TTG-IgA-Ak). Wenn eine Person aber keine IgA-Antikörper bilden kann, weil sie einen absoluten IgA-Mangel hat, dann wird sie auch keine Zöliakie-Antikörper vom IgA-Typ produzieren. Ein negativer Antikörpertest wird aber von vielen Ärzten und anderen Personen so beurteilt, dass dann auch kein Zöliakie-Verdacht besteht. Da der IgA-Mangel ja in vielen Fällen nicht bekannt ist, würde man nicht bemerken, dass der Patient gar keine Zöliakie-IgA-Antikörper bilden kann. Daher muss immer mindestens beim ersten Mal ein Gesamt-IgA-Wert zusätzlich untersucht werden. Nur dann kann man den negativen Zöliakie-IgA-Antikörper richtig interpretieren:
Wenn ein Zöliakie-Verdacht im Raum steht und die TTG-IgA-Antikörper einen unauffälligen Wert ergeben haben, aber gleichzeitig ein IgA-Mangel festgestellt wurde, müssen weitere Untersuchungen folgen: Neben den Zöliakie-IgA-Antikörpern kann man auch entsprechende IgG-Antikörper testen. Diese kommen im Falle eines IgA-Mangels zum Einsatz – und nur dann. Sonst haben die IgG-Antikörper keinen zusätzlichen Nutzen und verursachen nur erhöhte Kosten.
Man kann sowohl die IgG-Antikörper gegen Gewebstransglutaminase untersuchen als auch gegen deamidierte Gliadinpeptide (Abk.: DGP). Beide Tests können alternativ durchgeführt werden, es müssen nicht beide gemacht werden.
Deamidierte Gliadinpeptide entstehen bei der Verdauung von Gluten. Unser Darm kann Gluten nicht in kleinste Eiweißbausteine (= Aminosäuren) zerlegen. Dafür haben wir nicht die entsprechenden Verdauungsenzyme. Es verbleiben daher etwas längere Eiweißbruchstücke (= Peptide), die in der Darmschleimhaut bei der Aufnahme in den Körper leicht chemisch verändert, nämlich deamidiert, werden. So entstehen deamidierte Gliadinpeptide und gegen diese werden bei Zöliakie Antikörper gebildet.
Ist der IgG-Antikörper gegen TTG oder DGP auffällig, muss als nächstes eine Magenspiegelung mit Dünndarmbiopsie erfolgen, um die Zöliakie zu bestätigen. Für diesen Fall gibt es weder beim Kind noch beim Erwachsenen die Möglichkeit, die Zöliakie ohne diesen Eingriff sicher festzustellen. Aus diesen beiden Untersuchungen ergibt sich dann die Diagnose Zöliakie mit erhöhten TTG- oder DGP-IgG-Antikörpern und eindeutig veränderter Schleimhaut im Zwölffingerdarm.
Personen mit einem relativen IgA-Mangel sind in der Lage, ein gewisses Maß an IgA-Antikörpern zu produzieren. Kann man bei ihnen die TTG-IgA-Antikörper erhöht nachweisen, kann auch bei (leicht) unter der Altersnorm liegendem Gesamt-IgA das sonst übliche Vorgehen verwendet werden. Liegt das Gesamt-IgA unter der Norm, auch nur leicht und ist der TTG-IgA-Antikörper nicht wegweisend, dann muss immer der IgG-Antikörper gegen TTG oder DGP nachbestimmt werden.
Ich weiß, das sind sehr viele Informationen, daher möchte ich sie dir hier noch einmal zusammenfassen:
Ein IgA-Mangel ist ein häufiger Immundefekt in unserer Bevölkerung und bleibt bei der Hälfte der Betroffenen symptomlos und daher unerkannt.
Ein IgA-Mangel kommt besonders häufig mit Autoimmunerkrankungen wie der Zöliakie gemeinsam vor.
Bei einem IgA-Mangel sind die üblichen Bluttests auf Zöliakie nicht gut aussagekräftig. Daher muss immer auch ein Gesamt-IgA-Wert mit untersucht werden, um den Zöliakie-Antikörper korrekt bewerten zu können.
Im Falle eines IgA-Mangels werden die IgG-Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (TTG) oder gegen deamidierte Gliadinpeptide (DGP) verwendet.
Finden sich erhöhte IgG-Antikörper gegen TTG oder DGP, muss eine Magenspiegelung mit Dünndarmbiopsie zur Bestätigung der Zöliakie erfolgen.