Zöliakie & Migräne - gibt es da einen Zusammenhang?

Zöliakie und Migräne – gibt es da einen Zusammenhang?

Wie häufig kommen Kopfschmerzen und Migräne bei Zöliakie-Betroffenen vor?

In zahlreichen Studien bestätigt sich immer wieder der Trend, dass bei Zöliakie-Betroffenen häufiger Kopfschmerzen und Migräneattacken auftreten als bei anderen Personen. Und das gilt neben der Zöliakie auch für andere Magen-Darm-Erkrankungen: Eine Untersuchung zeigte für Zöliakie eine Häufigkeit von 30% Betroffene mit regelmäßigen Kopfschmerzen, dabei waren Migräneschmerzen am häufigsten, gefolgt von Spannungskopfschmerzen. Bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) betrug sie auch 23% und bei der Glutensensitivität berichteten 56% über regelmäßige Beschwerden - im Vergleich: 14% aller Personen in einer Vergleichsgruppe gaben Kopfschmerzen an.

Dabei waren Frauen deutlich häufiger betroffen. Lagen zusätzliche psychische Erkrankungen wie Depressionen und Ängste vor, wurde mehr über Migräne-Kopfschmerzen geklagt. Personen, die älter als 65 waren, gaben hingegen seltener diese Symptome an.

Eine aktuelle Übersichtsstudie von 2025 ergab für die Häufigkeit einer Zöliakie unter Migränepatienten etwa 2% und lag damit doppelt so häufig wie unter nicht- Migräne-Personen vor. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche. Die Beobachtung, dass Zöliakie und Migräne überdurchschnittlich häufig gemeinsam vorkommen, bestätigt sich in zahlreichen Studien. Es zeigt sich insgesamt eine Tendenz zu vermehrtem Auftreten einer Migräne bei Personen mit Autoimmunerkrankungen.

Welche Erklärungen gibt es dafür, dass Migräne bei Zöliakie häufiger vorkommt? 

Die naheliegendste Begründung wäre eine gemeinsame genetische Grundlage. Entsprechende Studien konnten aber keinen genetischen Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen nachweisen. Daher muss man sich die Vorgänge genauer ansehen, was sich im Körper bei Migräne und Zöliakie abspielt: Die Schmerzsignale bei der Migräne entstehen im Gebiet des Trigeminusnervs. Dieser Hirnnerv leitet über seine drei Gesichtsäste an Stirn, am Oberkiefer- / Wangenbereich und am Unterkiefer alle Empfindungen aus unserem Gesicht weiter und ist auch für die Versorgung der Kaumuskulatur zuständig. Kommt es durch äußere Einflüsse zu einem vermehrten Auftreten von entzündungsfördernden Botenstoffen (wie Interleukin 1ß und TNF a) wird ein bestimmtes Eiweiß, das Calcitonin Gen-Related Peptid (CGRP), aktiviert und vermehrt produziert. Dieses vermittelt in den Nervenknoten des Trigeminusnervs die Schmerzsignale, die sich über Nervenenden in den Hirnhäuten ausbreiten.  Diese Entzündungsbotenstoffe werden aber nicht nur bei Migräne, sondern z.B. auch bei Zöliakie produziert. Bei Zöliakie sieht man eine Vermehrung an TNF-a und IF-gamma, die ebenfalls die Synthese von CGRP kontrollieren und fördern. Eine aktive Zöliakie kann damit also zu Migräneanfällen führen.

Ein weiterer Faktor im Krankheitsgeschehen ist die Darmflora. Ein mikrobielles Ungleichgewicht im Darm fördert zusätzlich die Bildung von Entzündungsbotenstoffen. Veränderungen im Mikrobiom können also wirksame Verstärker bei Migräneattacken sein.  

Stress ist ein weiterer Verstärker, da er zu vermehrter Ausschüttung von Kortisol führt. Dieses Stresshormon beeinflusst wiederum das Mikrobiom. Es werden auch in diesem Fall zusätzliche entzündungsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet. So kommt es zu einer vermehrten Anfälligkeit für entzündliche Erkrankungen und auf dem bereits beschriebenen Weg wird die Schmerzwahrnehmung im Trigeminusgebiet vermehrt stimuliert. Stress kann somit eine Migräne verschlimmern. 

Darm und Gehirn hängen enger zusammen als auf den ersten Blick ersichtlich. Unser Darm verfügt über ein eigenes (enterisches) Nervensystem, das Informationen speichert und Reaktionen auslöst. Dabei gibt es auch Rückmeldungen an unser zentrales Nervensystem, das Gehirn und Rückenmark. Die Darm-Hirn-Achse läuft dabei in beide Richtungen: im Gehirn werden Darmbewegungen und Verdauungsvorgänge über eine hormonelle Steuerung kontrolliert. Andersherum beeinflusst der Darm aber auch das Gehirn in puncto Wahrnehmung, Verhalten und Schmerzempfinden. Besteht ein Zustand mit erhöhter Alarmbereitschaft oder übermäßiger Sensibilität wie auch für Reizdarm vermutet wird, werden die Meldungen aus dem Darm früher als bei anderen Personen weitergeleitet und es entsteht ein stärkeres oder verändertes Schmerzempfinden. Auch dieser Aspekt spielt bei der Entstehung von Migräneanfällen eine Rolle.  

Ist ein Screening auf Zöliakie sinnvoll bei Kopfschmerz- und Migränepatienten? 

Es gibt eine Reihe an Erkrankungen, die so häufig mit einer Zöliakie assoziiert vorkommen, dass man diese Personen gezielt auf Zöliakie untersuchen sollte. Wie bereits ausgeführt, ist eine Zöliakie auch häufiger unter Migränepatienten zu finden. Dennoch sind die Empfehlungen zum breiten Screening auf Zöliakie nicht so eindeutig, dass jeder Migränepatient zwingend getestet werden müsste. Ähnliches gilt für andere Kopfschmerzarten: Zöliakie ist zwar häufiger bei Kopfschmerzpatienten und Kopfschmerzen häufiger bei Zöliakie. Damit ergibt sich aber auch rein zufällig eine große Schnittmenge, ohne dass immer auch ein ursächlicher Zusammenhang bestehen muss.  

Dennoch muss man klar sagen: ein Antikörpertest auf Zöliakie ist eine sehr einfache Maßnahme und unter Berücksichtigung der Empfehlungen, welche Tests verwendet werden sollen, ist die Untersuchung auch nicht teuer. Denn dem steht gegenüber, dass bei Zöliakie eine gute Behandlung zur Verfügung steht. Und je früher eine Zöliakie behandelt wird, umso eher können weitere Auswirkungen und Komplikationen verhindert werden. Auch die deutsche Zöliakie-Leitlinie besagt, dass eine Testung gemacht werden sollte. 

Kopfschmerz- und Migränepatienten haben oft auf Grund ihrer Beschwerden zahlreiche Arztkontakte und es werden eine Vielzahl an Untersuchungen veranlasst. Diese Gelegenheiten sollten genutzt werden, einmal eine Zöliakie als mögliche Ursache auszuschließen. 

Wird eine Migräne unter glutenfreier Ernährung besser? 

Viele Studien zeigen ein Nachlassen der Migräne-Beschwerden unter der glutenfreien Ernährung. Dabei wird ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Migräneanfälle gesehen und der Tatsache, wie gut die glutenfreie Ernährung umgesetzt wird. Eine Studie von 2003 zeigte bei Migränepatienten ein sehr deutliches Nachlassen der Migräneattacken bereits nach 6 Monaten glutenfreier Diät. In dieser Untersuchung wurden auch sehr spezielle bildgebenden Verfahren eingesetzt, in denen organische Veränderungen der Migräne nachgewiesen wurden. Auch diese zeigten eine Rückbildung nach der Ernährungsumstellung. 

Bei einem Viertel bis Fünftel der Zöliakie-Betroffenen werden Kopfschmerzen bei Diagnosestellung als Symptom berichtet. Drei von vier Betroffenen verspüren dann auch ein Nachlassen an Schwere und Häufigkeit ihrer Kopfschmerzen. 

Wichtig!

Auch wenn du das jetzt liest und noch keine Zöliakie-Diagnostik durchlaufen hast und unter häufigen Kopfschmerzen oder Migräneanfällen leidest – bitte mache keine versuchsweise Ernährungsumstellung auf eine glutenfreie Ernährung! Unter der glutenfreien Diät bilden sich nach und nach die diagnostischen Hinweise wie erhöhte Antikörper und Schleimhautveränderungen zurück. Das ist natürlich letztlich auch das Ziel, jedoch sind sie dann unter Umständen nicht mehr gut nachzuweisen und eine Zöliakie kann nicht mehr sicher nachgewiesen werden. Damit hast du keine sichere Diagnose!  

Deshalb: ERST die Zöliakie-Diagnostik, um Klarheit zu haben, dann ggf. Umstellung auf glutenfreie Ernährung.  

Kurz zusammengefasst

Die Zusammenhänge zwischen Zöliakie und Migräne oder andere Typen von Kopfschmerzen sind sehr vielfältig, daher möchte ich sie in Kürze zusammenfassen:

  • Migräne und andere Typen an Kopfschmerzen finden sich häufiger bei Zöliakie-Betroffenen als bei anderen Personen.

  • Aber auch Zöliakie kommt etwas häufiger bei Personen mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen vor. Kopfschmerzen zählen daher zu den häufigsten neurologischen Zeichen einer Zöliakie.

  • Es gibt im Krankheitsgeschehen von Zöliakie und Migräne Überschneidungen, die das gehäufte gemeinsame Vorkommen erklären. Dabei spielt vor allem die vermehrte Produktion von Entzündungsbotenstoffen eine zentrale Rolle. Diese triggern über andere Eiweiße wie das CGRP die Übermittlung von Schmerzsignalen im Gehirn - eine Migräneattacke wird ausgelöst.

  • Auf Grund des gehäuften gemeinsamen Auftretens sollte eine Untersuchung von Migräne- und Kopfschmerzpatienten auf Zöliakie erwogen werden, insbesondere wenn Therapien nicht gut anschlagen.

  • Bei nachgewiesener Zöliakie bessern sich die Kopfschmerzen und Migräneanfälle unter glutenfreier Ernährung oft schon nach wenigen Monaten.

  • Dennoch gilt auch hier: von einer versuchsweisen glutenfreien Ernährung ohne vorherige Diagnostik auf Zöliakie ist dringend abzuraten!

Dr. Stephanie Baas

Dr. Stephanie Baas

Ärztin und Zöliakie-Expertin

Ich habe fast 20 Jahre lang die medizinische Beratung bei der DZG durchgeführt und konnte in dieser Zeit viel praktische Erfahrung sammeln.