Zöliakie beim Kind – auf welche Symptome solltest du bei deinem Kind achten?
Viele Eltern sind unsicher und fragen, auf welche Symptome sie achten sollen, um eine Zöliakie frühzeitig zu erkennen. Warum Bauchschmerzen nicht immer ein Zeichen für Zöliakie sind und auf welche Zeichen man noch achten sollte, möchte ich dir in diesem Beitrag erläutern.
Je jünger – umso klassischer
Je nachdem, welche Symptome bei einem Zöliakiebetroffenen vorliegen, teilt man die Zöliakie in unterschiedliche Formen ein. Die klassische Form ist die, an die viele zuerst denken, wenn sie das Krankheitsbild beschreiben sollen. Im Vordergrund stehen dabei anhaltende Durchfälle, oft fettglänzende und übelriechende Stühle, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust. Viele Kleinkinder haben einen aufgetriebenen, stark vorgewölbten Bauch, der oft in deutlichem Gegensatz zu den dünnen Armen und Beinen steht. Typischerweise nehmen die Kinder nicht mehr an Gewicht zu und das Wachstum wird auch deutlich langsamer. Das nennt man auch Gedeihstörung und ist ein Warnsignal. Die Kinder fallen dann aus ihrem Perzentilenbereich für Länge und Gewicht heraus - dieser Perzentilenknick sollte bei einer Vorsorgeuntersuchung immer aufmerksam machen.
Gut zu wissen!
Du kennst vielleicht aus dem Untersuchungsheft deines Kindes diese Kurven, in denen Länge und Gewicht eingetragen werden. Darin kann man leicht sehen, wo das Kind in Bezug auf andere Kinder mit Größe und Gewicht steht. Die 97. Perzentile bedeutet, dass 97% der Kinder kleiner oder leichter sind, die 50. Perzentile, dass die Hälfte der Kinder größer / kleiner bzw. schwerer / leichter ist und die 3. Perzentile, dass 3% der Kinder kleiner oder leichter sind. Die meisten Kinder wachsen entlang einer bestimmten Linie (= Perzentile) – ein Abweichen sollte immer beachtet werden!
Bei Kleinkindern beobachtet man auch häufig einen Stillstand in der Entwicklung oder sogar einen Verlust von bereits erlernten Fähigkeiten wie z.B. Laufen. Misslaunigkeit zählt ebenfalls zu den typischen Merkmalen. Die klassische Form ist insgesamt vor allem durch die schlechte Aufnahme der Nährstoffe, der Malabsorption, geprägt, die für viele Symptome verantwortlich ist. Aber es müssen nicht immer alle Symptome vorhanden sein – besteht z.B. kein Durchfall, kann dennoch eine Zöliakie vorliegen.
Gut zu wissen!
Hier siehst du gut, wie das Gewicht bei der farbigen Linie zwischen dem 6. Monat und 2. Geburtstag nahezu unverändert geblieben ist. Nach Diagnose der Zöliakie und Umstellung auf glutenfrei steigt das Gewicht zügig an.
Bei dieser Linie ist es weniger ausgeprägt, aber doch ein Abfall von der 50. auf die 10. Perzentile zwischen dem 2. und 4. Geburtstag. Auch hier steigt das Gewicht nach der Diagnose und Umstellung auf glutenfrei um den 4. Geburtstag rasch an.
Auch wenn man die Zöliakie meist mit diesen Symptomen verbindet, so haben doch nur ca. 10% der Betroffenen eine klassische Form. Je jünger die Kinder sind, umso eher zeigen sie dieses klassische Bild. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Kinder ab dem Schulalter, Jugendliche und Erwachsene andere Zeichen einer Zöliakie zeigen, auf die man achten muss.
Wie sieht die Zöliakie dann beim größeren Kind aus?
Bauchschmerzen gehören zu den Leitsymptomen, die die Kinder und Jugendlichen am häufigsten als Beschwerden angeben und die dann auch entsprechende Untersuchungen nach sich ziehen. Das ist aber auch einer der schwierigsten Hinweise auf die Erkrankung, da so viele andere Ursachen in Frage kommen, die Bauchschmerzen bei Kindern auslösen. Denn viele junge Kinder können noch nicht so gut sagen, wo in ihrem Körper der Schmerz tatsächlich sitzt und projizieren vieles in ihren Bauch. Das heißt, sie können auch Kopfschmerzen haben und geben dennoch Bauchschmerzen an. Das macht es dann für deinen Kinderarzt, aber auch für dich als Elternteil umso schwieriger, die Ursache zu finden. Wenn allerdings Blutuntersuchungen wegen immer wieder auftretenden Bauchschmerzen geplant werden, ist es durchaus sinnvoll, dabei eine Zöliakie abzuklären.
Ähnlich ist es bei häufigerem Durchfall. Geht gerade im Kindergarten oder in der Schule ein Magen-Darm-Virus herum, ist die Ursache leichter zu erkennen. Bei vielen Kindern und Jugendlichen zeigen sich aber nicht ausschließlich durchfällige Stühle, sondern oftmals ein Wechsel aus geformten, weichen, flüssig-wässrigen und dann vielleicht wieder harten Stuhlgängen. Andererseits wird es dir einfach normal vorkommen, wenn dein Kind immer einen durchfälligen Stuhlgang hat, so dass deswegen nicht zwingend der Kinderarzt aufgesucht wird.
Ein ebenfalls häufiges Symptom einer Zöliakie im Kindesalter ist ein zu geringes Wachstum, so dass die Kinder zu klein für ihr Alter, zu klein im Vergleich zu Geschwistern und vor allem abweichend vom bisherigen Wachstum entlang einer der Perzentilenkurven wie im Untersuchungsheft eingetragen wird. In Studien hat sich gezeigt, dass es beim Symptom Kleinwuchs am längsten dauert, bis die Diagnose Zöliakie gestellt wird. Es ist sehr viel naheliegender, bei Beschwerden im Magen-Darm-Trakt an die Zöliakie zu denken. Und ein langsameres Wachstum fällt auch allen Beteiligten weniger schnell auf. Daher sollte der Entwicklung von Länge und Gewicht – gerade anhand der Messwerte von den Vorsorgeuntersuchungen – Aufmerksamkeit geschenkt und bei Abweichungen engmaschiger kontrolliert bzw. eine weitere Abklärung in die Wege geleitet werden.
Bei Jugendlichen ist in gleichem Maße auf den Beginn der Pubertät zu achten. Eine Verzögerung in der Pubertätsentwicklung kann durch eine Zöliakie hervorgerufen werden. Auch bei diesem möglichen Zeichen für die Erkrankung ist es zunächst schwierig zu sagen, ab wann die Entwicklung nicht mehr als normal einzustufen ist und Untersuchungen in die Wege geleitet werden müssen. Denn es besteht durchaus eine breite Varianz, wann die Pubertät zu erwarten ist. Ältere Geschwister können ebenso einen Anhalt geben wie das Alter bei der ersten Regelblutung der Mutter und des Stimmbruchs des Vaters. Bei Auffälligkeiten ist es sinnvoll, eine Zöliakie-Diagnostik mit einzubeziehen, um eine frühzeitige Klärung zu erhalten.
Die Zöliakie wird auch als das Chamäleon der Medizin bezeichnet. Denn die Beschwerden sind extrem vielfältig und variabel. Das ist auch im Kindes- und Jugendalter nicht anders als beim Erwachsenen. Und alle Beschwerden, die man bei Erwachsenen finden kann, können auch bei Kindern vorkommen. Eisenmangel mit und ohne Blutarmut ist ein sehr häufiges Symptom einer Zöliakie und gelegentlich auch das einzige. Bei manchen Kindern besteht immer wiederkehrendes Erbrechen. Andere haben eine ausgeprägtere Verstopfung. Auch das ist ein Symptom, bei dem eher selten an eine Zöliakie gedacht wird, so dass die Erkrankung oft lange übersehen wird. Gerade diskrete Zeichen, für die man keine eindeutige Ursache finden kann, sollten stets an eine Zöliakie denken lassen.
In welchem Alter beginnt überhaupt eine Zöliakie?
Solange ein Kind noch kein Gluten zu sich nimmt, kann es noch keine Zöliakie entwickeln. Man hat zwar in der Muttermilch Spuren von Gluten-Bruchstücken gefunden, aber es gibt keine Berichte über ausschließlich gestillte Kinder, die an Zöliakie erkrankt sind. Erst mit Beginn der Beikost, die glutenhaltiges Getreide enthält, kann die Autoimmunreaktion in Gang gesetzt werden. Gluten wird meistens um den 6. Lebensmonat mit einem Vollmilch-Getreide-Brei als zweiter Mahlzeit eingeführt. Es dauert dann mindestens 3-6 Monate, bis sich Symptome entwickeln. Daher wird eine Zöliakie selten vor dem ersten Geburtstag festgestellt.
Bei vielen dauert es sogar Jahre, bis sich Symptome zeigen. Man vermutet heute allerdings, dass die meisten Zöliakie-Fälle sich bis zum Schulalter entwickeln. Bei vielen Betroffenen bleibt sie aber über Jahre und Jahrzehnte ohne Symptome und macht sich erst im Erwachsenenalter bemerkbar. Die wenigsten Zöliakie-Fälle manifestieren sich tatsächlich erst im Erwachsenenalter.
Wenn die Zöliakie schon im Kleinkindalter beginnt, ist sie dann angeboren?
Viele berichten, dass ihr Kind eine angeborene Zöliakie habe, wenn sie schon im ersten Lebensjahr begonnen hat. Tatsächlich gibt es bei dieser Erkrankung keine angeborene oder erworbene Form. Unabhängig davon, ob die Zöliakie im ersten Lebensjahr oder erst bei einer Person mit 60 Jahren auftritt: es gibt angeborene Faktoren – die genetische Grundlage, die immer vorhanden sein muss – und die erworbenen, die die Zöliakie erst tatsächlich auslösen. Dazu zählt auf jeden Fall das Gluten, das mit der Nahrung aufgenommen wird, aber man vermutet auch weitere Umweltfaktoren wie z.B. Infektionen, die hinzukommen müssen. Was letztlich eine Zöliakie auslöst, ist bislang aber noch nicht bekannt.
Mein Kind hat keine Symptome –sollte es trotzdem auf Zöliakie untersucht werden?
Aus medizinischer Sicht ist es wünschenswert, eine Zöliakie so früh wie möglich festzustellen. Damit möchte man versuchen, Auswirkungen auf andere Organe, vor allem die Knochen, zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren. Wir wissen heute, dass gut die Hälfte aller Betroffenen zum Zeitpunkt der Diagnose eine Minderung in der Knochendichte aufweist. Und das ist unabhängig davon, ob es sich um Erwachsene oder Kinder bzw. Jugendliche handelt. Je früher man die Zöliakie feststellt und dann auch mit einer glutenfreien Ernährung behandelt, umso geringer ist der negative Einfluss auf die Knochen. Kann die Zöliakie vor dem pubertären Wachstumsschub diagnostiziert werden, holt der Knochen den Verlust wieder vollständig auf. Je später die Umstellung auf die glutenfreie Ernährung stattfindet, umso schwieriger ist dies.
Es gibt bestimmte Personengruppen, die ein höheres Risiko haben, eine Zöliakie zu entwickeln als die übrige Bevölkerung. Es ist daher empfohlen, diese Risikogruppen gezielt auf Zöliakie zu untersuchen, auch ohne dass sie besondere Symptome aufweisen. Damit versucht man, die Krankheit so früh wie möglich zu erkennen.
Zu den Risikogruppen gehören:
- Erst- und zweitgradig verwandte Personen von einem Zöliakie-Betroffenen, also Eltern, Geschwister und Kinder
- Personen mit anderen Autoimmunerkrankungen, vor allem mit einem Typ 1-Diabetes mellitus oder einer Schilddrüsen-Autoimmunerkrankung (Hashimoto-Thyreoiditis, Morbus Basedow)
- Personen mit bestimmten genetischen Veränderungen (Trisomie 21 / Down-Syndrom, Monosomie X / Turner-Syndrom und das seltene Williams-Beuren-Syndrom)
- Personen mit einem IgA-Mangel (Antikörpermangel)
In einer finnischen Studie von 2017 war etwa ein Drittel aller neu-diagnostizierten Zöliakie-betroffenen Kinder und Jugendlichen über ein solch gezieltes Screening gefunden worden. Davon hatten nur die Hälfte Symptome, die von der Zöliakie ausgelöst wurden, aber meist in milder Form. Das zeigt, wie wichtig es ist, diese frühzeitigen Testungen durchzuführen.
Kurz zusammengefasst
Ich möchte dir hier nochmal eine kurze Übersicht geben, welche Zeichen bei deinem Kind darauf hinweisen könnten, dass sich möglicherweise eine Zöliakie entwickeln könnte:
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Bei Kleinkindern kommt besonders häufig die klassische Form mit Durchfällen, Bauchschmerzen, Gedeihstörung, Zeichen der schlechten Nährstoffaufnahme, Misslaunigkeit und Verlust von bereits erlernten Fähigkeiten vor.
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Je älter die Kinder werden, umso vielfältiger werden die Symptome: Bauchschmerzen, Durchfälle, Kleinwuchs und Pubertätsverzögerung sollten an eine Zöliakie denken lassen, vor allem wenn sich keine andere Ursache findet.
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Eine Zöliakie kann erst auftreten, wenn Gluten in der Beikost gefüttert wird. Die Diagnose wird selten vor dem ersten Geburtstag gestellt.
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Die Zöliakie kann allerdings über Jahre und Jahrzehnte symptomlos verlaufen. Risikogruppen sollten daher nach Möglichkeit bereits ab dem Kindesalter regelmäßig untersucht werden, ob sich die Krankheit entwickelt.
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Mit einer frühzeitigen Diagnose und glutenfreien Ernährung können weitere negative Auswirkungen auf den Körper verhindert werden.